Mehr als ein Spiel

Theatre is a frame through which to see life with fresh eyes and hear it with new ears.(Pavol Liska, Regisseur)

Über den direkten Kontakt und lebendigen Austausch zwischen Theater und Schule erleben die Jugendlichen alle Facetten der Theaterwelt, von den Bühnenproben über die Öffentlichkeitsarbeit bis zur Theatertischlerei. Spielfreude und Spaß am eigenen Gestalten lösen dabei einen Erfahrungsprozess aus, der die kreative und reflexive Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit dem Theater und sich selbst anregt.

Die Theater erfahren ihrerseits mehr über die Lebenswelten junger Menschen. Welche ästhetischen Handschriften bevorzugen sie? Welche Spielplanangebote müssen sie machen, um Jugendliche als zukünftige Zuschauer zu gewinnen? Aus Fragen wie diesen entstehen Impulse für die eigene Inszenierungsarbeit und Spielplangestaltung.

 

Warum ist die Begegnung und Auseinandersetzung zwischen Schule und Theater so wichtig? Darauf gibt die Theaterwissenschaftlerin Ingrid Hentschel eine, wie wir finden, überzeugende Antwort. Wir zitieren im Folgenden aus ihrem Vortrag „Medium und Ereignis – warum Theaterkunst bildet“, mit dem sie die Fachtagung „Bildung braucht Kunst“, Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel am 19.2.2008 eröffnet hat:

Der Mensch ist existentiell angewiesen auf den anderen, auf das „angeschaut werden“, den Blick, auf Responsivität. Eben dies sind Qualitäten des Theaters, die durch andere Medien nicht ersetzbar sind. Theater ist ein Laboratorium sozialer Phantasie und Imagination. Das Theater bietet Leerstellen, die durch die Phantasie des Zuschauers gefüllt werden müssen. Hier ist ein immenser Platz für den Einzelnen, seine Erfahrungen, Wahrnehmungen, Wünsche, Ängste ins Spiel zu bringen.Hier können ungewohnte, verrückte Zusammenhänge gestiftet, Zeichensysteme entziffert, Weltentwürfe imaginativ erprobt und hier kann, wie es im traditionellen Theater ja immer war, gemeinsames Leid erfahren, Lust geteilt und natürlich auch Unbekanntes erfahren werden, auch – warum nicht - Tradition weitergegeben werden. Theater ist Schule der Wahrnehmung, ein Medium der Zeichen. Man kann im Theater, wenn es gut gemacht ist:

  • Beobachten,
  • Zeichen entziffern,
  • Zusammenhänge herstellen,
  • Staunen, in die andere Welt blicken, vertrautes Fremd wahrnehmen,
  • Inneres mit äußerem verbinden,
  • Gefühle mit Wahrnehmungen verknüpfen,
  • sich in Bezug zur Gemeinschaft empfinden,
  • eine Erfahrung mit anderen (Zuschauern/Schauspielern) teilen,
  • Phantasielust (Funktionslust der Phantasie) entwickeln,
  • Intensität erleben – auch in Schmerz und Traurigkeit,
  • Freude empfinden. 


Das Theater ist das außergewöhnliche Ereignis, das es ermöglicht, alles was sonst gilt, auf den Kopf zu stellen, die gewohnten Gesetze außer Kraft zu setzen. Damit ist eine ganz andere Qualität angesprochen als die, die wir gewöhnlich dem Begriff des Lernens zuordnen, das doch eine gewisse Beherrschung von Zusammenhängen, Erfahrungen und Wissensgegenständen hervorbringen, Orientierung und Übersicht geben soll und die Möglichkeit, das Gelernte reflexiv zu beurteilen und auf die jeweiligen Kontexte zu beziehen.

Im gemeinsamen Theaterspiel aber auch in der Begegnung von Schauspielern und Zuschauern in einer Aufführung dient nicht die Gemeinschaft dem Einzelnen, sondern der Einzelne der Gemeinschaft. Daher hat das Theaterspielen eine integrative und transformative Kraft, die sich besonders auch in sozialen Feldern, in denen mit Theater gearbeitet wird, bemerkbar macht.

Kultur und Kunst regen Visionen, Veränderungen, auch Kritik am Bestehenden an. Sie sind Motor von kultureller Entwicklung – oder aber auch Orte des Innehaltens, Nachdenkens, in Frage Stellens. Die Frage danach, wie und wo der Einzelne in der Gesellschaft steht, wie er sich sieht in Beziehung zu den Mitmenschen, zu Staat und Gesellschaft ist seit jeher Thema des Theaters. Theater ist das Medium, in dem diese Fragen erörtert, dargestellt und öffentlich kommuniziert werden können.

Wer sich für den ganzen Vortrag interessiert, findet ihn unter Text & Theorie.

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